Kunstwerke des Monats 2020

April 2020
Grabmal Kratzsch

Die Grabstätte des Gutsbesitzers Robert Kratzsch (1849 – 1902)

Für Robert Kratzsch aber sollte ein bürgerstolzes Denkmal errichtet werden, welches noch in hundert Jahren an ihn erinnern würde. Mit dieser Aufgabe betraute die Witwe den Leipziger Bildhauer Alfred Fränzel.
So entstand über einem kräftigen Sockel aus gestocktem Granit dieses stelenartige Grabmal aus poliertem schwarzen schwedischen Granit. Über einem mehrfach profilierten Eigensockel erhebt sich die Stele deutlich verjüngend nach oben, wo sie abschließt mit einem fast wuchtigen geschweiften Deckstein, der wiederum aber auch den Sockel für eine über einer Plinthe sich aufbauenden, wunderschönen weiblichen, weißen Marmorskulptur bildet. Es ist, wenngleich flügellos, ein engelsgleiches jungfräuliches Geschöpf mit wallendem Haar in einem faltenreichen langen Gewand, das sich barfüßig anschickt, in der Linken einen Korb haltend, mit der Rechten Blumen auf das Grab des hier beerdigten Robert Kratzsch zu streuen.
Ihr schönes Antlitz kündet durchaus von Trauer, vermittelt aber auch die schicksalhafte Frage, warum Robert Kratzsch so zeitig schon diese Welt verlassen musste.

An der Frontseite der Stele findet sich tondoartig das lebensgetreue Porträtmedaillon des Robert Kratzsch.
Mit dem Spitzeisen hat der Bildhauer im Medaillon eine innere Wölbung eingearbeitet, aus der erhaben das Bildnis des Robert Kratzsch tritt.
Der seit 1887 in Leipzig als selbständiger Bildhauermeister tätige Alfred Fränzel, der keine akademische Ausbildung erfahren hatte, lieferte mit dem Grabmal Kratzsch eine hervorragende Arbeit, die Zeugnis ablegt von seinen bemerkenswerten Fähigkeiten. Gleichsam waren auch andere Leipziger Steinmetz- und Bildhauerwerkstätten jener Jahre wie Friedrich Gustav Damm, Ernst Julius Einsiedel oder Christian Hermann Anders zur Ausführung derartig qualitätsvoller Werke imstande.
Die goldgefassten Inschriften in der Grabstele verweisen u. a. auf die innige Liebe der hinterlassenen Gattin und der Kinder sowie auf die soziale Stellung des Verstorbenen als Guts- und Hotelbesitzer.
Der Dank von Frau und Kindern sowie die charakterliche Würdigung des von Gott Abgeforderten zeigt sich auch hier in den eingearbeiteten – oftmals idealisierten – Versen

Sehr einfach war Dein Leben
Du dachtest nie an Dich
Nur für uns freudig streben
Hielst Du für Glück und Pflicht.

Wie so vielen früh verwitweten Ehefrauen war auch Alma Kratzsch geb. Bödemann eine lange Witwenschaft beschieden – es dauerte 44 Jahre, bis sie im Jahre 1946 hochbetagt aus dieser Welt abberufen wurde.

Vorab auszugsweise zitiert aus:
Alfred E. Otto Paul „Die Kunst im Stillen – Kunstschätze auf Leipziger Friedhöfen“
Band No.07 (Text urheberrechtlich geschützt)

März 2020
Grabmal des Stickereifabrikanten Arthur Wellner / Fotografie : Heinz-Joachim Halbach

Das Grabmal des Plauener Stickereifabrikanten Arthur Wellner (1861-1913)

Der Steinmetzmeister Oskar Volk, Inhaber der traditionsreichen, im Jahre 1847 gegründeten Leipziger Steinmetz- und Bildhauerwerkstatt Ernst Julius Einsiedel, hatte bereits im Frühjahr 1912 das Hauptgrabmal aus gestocktem Fichtelgebirgsgranit auf der familiären Grabstätte errichtet**. Wenngleich uns ein entsprechender Nachweis fehlt, so können wir aber mit absoluter Sicherheit davon ausgehen, dass Oskar Volk vermutlich noch im Jahre 1913 das Grabmal für den tödlich verunglückten Ernst Arthur Wellner geschaffen hatte.

Über einer starken Granitplatte, die gleichsam die kleine Gruft verschließt, welche die Urne mit den Brandresten des eigeäscherten Ernst Arthur Wellner birgt, thront das sich über einem zweistufigen Sockel aufbauende Grabmal mit flächiger Politur. Eine umlaufende Hohlkehle verjüngt im oberen Abschluss den Sockel und leitet über zu einem mächtigen Syenitblock, aus dem allseitig unvergängliche, rosenblütengeschmückte Festons ausgearbeitet wurden als ein Zeichen liebevoller Verbundenheit mit dem so zeitig und unter so tragischen Umständen Abberufenen.  

Frontseitig findet sich die vertieft eingearbeitete Inschrift mit dem Namen des Verstorbenen, seinen  Lebensdaten und dem Ort seiner Geburt und seines Todes. Sehr dominant bekrönt eine steinerne Urne das Grabmal. Ihr umlaufender Fries ist der „Laufende Hund“, eine abgewandelte Form des Mäanderbandes als ein klassisches Ewigkeitssymbol. Die Urne verweist frontseitig auf die Worte des Schriftpropheten Jesaja in der Heiligen Schrift, in der es bei Jesaja 55.8 heißt:

„Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr“.

Dieses Zitat verweist darauf, dass nur Gott allein den höheren Sinn des so zeitigen Lebensendes von Ernst Arthur Wellner kennt. Der Mensch kann sich letztlich nur vertrauensvoll und zuversichtlich dem göttlichen Ratschluss unterwerfen. Er sollte nicht hadern mit dem unerwartet eingetretenen Tod, mit der göttlichen Abberufung in die Ewigkeit.

Vorab auszugsweise zitiert aus:
Alfred E. Otto Paul „Die Kunst im Stillen – Kunstschätze auf Leipziger Friedhöfen“
Band No.07 (Text urheberrechtlich geschützt)

Februar 2020
Liesel Michael Grabmal

Das Grabmal der Arzt-Ehefrau Elise Michael (1884 – 1933)

Am letzten Tag des Maienmonats 1933 starb am Abend um neun ¾ Uhr im Leipziger Städtischen Krankenhaus St. Jacob die Ehefrau des Arztes Dr. med. Otto Michael. Elise Michael, eine gebürtige Wienerin, war erst 48 Jahre alt, als sie abberufen wurde aus dieser Welt.

Die Ursache ihres so zeitigen Todes wird nirgends erwähnt – weder die Unterlagen in der Kanzlei des Südfriedhofes oder das Einäscherungsregister des Krematoriums geben uns eine Nachricht und auch die Sterbeurkunde des Standesamtes enthält keinen Hinweis. Eigenartig ist auch, dass ihr Tod nicht, wie allgemein üblich, in der Tageszeitung „Leipziger Neueste Nachrichten“ vermeldet wurde; selbst eine Danksagung fand sich dort nicht.

Am 05. Juni 1933 hatte der verwitwete Dr. Otto Michael im Urnenhain des Südfriedhofes das Rabattengrab No.338 in der XXIII. Abteilung erworben, am nachfolgenden Tag erfolgte die Feuerbestattung des Leichnams seiner Frau. Danach vergingen viele Wochen bis zur Beisetzung der Urne, die erst am 17. Juli 1933 eingesenkt wurde in dieses Grab.

Mit einiger Sicherheit können wir davon ausgehen, dass der mit einem bronzenen Bildnis versehene Grabstein aus feinkörnigem Muschelkalkstein bis zum Totensonntag des Jahres  auf der Grabstätte errichtet worden war. Wir kennen weder den Steinmetz noch den Bildhauer, der einst dieses Bildnis modelliert hatte. Dieses wurde dann in der Leipziger Bronzegießerei des Traugott Noack in der Kochstraße in Erz gegossen wurde, wie der mit bloßem Auge kaum zu erkennende Stempel am Werk bezeugt.

Die dargestellte Frau in der Blüte ihres Lebens dürfte Elise Michael sein, die mit traurigem Antlitz und ebensolcher Geste ein Lamm umarmt und liebevoll an ihren Busen drückt. Die große Trauer, die sich auf dem Bildnis ausdrückt, könnte besonders dem Abschied von ihrem Gatten, mit dem sie 23 Jahre ehelich verbunden war, und ihren beiden Söhnen Peter (*1912) und Walter (*1919) gelten.

Das Lamm im Sinne eines Agnus Dei ist wohl ein Verweis auf die religiöse Gläubigkeit der Verstorbenen, die einst als Jüdin zur christlichen Kirche konvertierte. Und das Reh im Bildnis dürfte für Ihre Glaubenszuversicht stehen, nach dem Tode einzukehren in den ewigen Garten Gottes, in das Paradies. Unter dem bronzenen Reliefbildnis verkünden bronzene Lettern in schlichter Antiqua Ihren Namen und das Datum ihrer Geburt und ihres Todes.

Vorab auszugsweise zitiert aus:
Alfred E. Otto Paul „Die Kunst im Stillen – Kunstschätze auf Leipziger Friedhöfen“
Band No.07 (Text urheberrechtlich geschützt)

Januar 2020
Grabmal des Hof-Musikalienhändlers Walter Friedel / Fotografie Angela Huffziger

Das Grabmal des Hof-Musikalienhändlers Walter Friedel (1856 – 1916)

Nur unweit von der eindrucksvollen Grabstätte der Familie des Theodor Steingräber, der im Jahre 1878 den gleichnamigen Musikalienverlag begründet hatte, finden wir die Grabstätte seiner Erben, die zu ihren Lebzeiten verdienstvoll das Werk von Theodor Steingräber fortgeführt haben.

Nachdem Theodor Steingräber im Jahre 1904 gestorben war, führte sein Schwiegersohn Walter Friedel gemeinsam mit den beiden Steingräber-Töchtern Mathilde Steingräber und Clara Friedel geb. Steingräber den renommierten Musikverlag erfolgreich weiter.

Aber bald schon, im November 1916, starb Walter Friedel viel zu früh im Alter von erst 60 Jahren.  
Seine Witwe Clara Friedel erwarb zwei Tage nach dem Tode ihres Gatten in der VII. Abteilung des Südfriedhofes für 2.700 Goldmark das hundertjährige Nutzungsrecht an der Wahlstelle No.98.
Am 13. November 1916 wurde der Leichnam des Walter Friedel im Leipziger Krematorium eingeäschert und schon am Folgetag fand in der Grabstätte die Beisetzung der Urne mit seiner Asche statt.
Sicherlich war es den schweren Zeiten des Krieges geschuldet, dass man vorerst auf die Errichtung eines standesgemäßen Grabmales verzichten musste.
Erneut kam großes Leid über die Witwe Clara Friedel, als am 08. Oktober 1918 ihre einzige Tochter Margarethe Heinrich geb. Friedel im Alter von 24 ½ Jahren, ein Jahr nach der Geburt ihres ersten Kindes Hildegard, an der Schwindsucht verstarb.
In einem gediegenen eichenen Pfostensarg wurde sie hier in ihr tiefes Grab gesenkt.

Über zehn Jahre später, am 06. November 1929, ersuchte die Witwe Clara Friedel um die Genehmigung für die Errichtung eines familiären Grabmales. Während von der traditionsreichen Leipziger Steinmetz- und Bildhauerwerkstatt F. G. Damm die Arbeiten an dem aus Muschelkalkstein gefertigten Sockel samt der frontseitigen Beschriftung mit den Namen ihres Gatten und ihrer Tochter nach einem Entwurf des Stuttgarter Kunstbildhauers Eugen Frey ausgeführt wurden, schuf Frey selbst die dann in Erz gegossene, eindrucksvolle aufgesetzte Plastik des Grabmals.
Eine sitzende Frau im langen Gewand, deren Haupt bedeckt ist mit dem Witwenschleier, beugt sich schmerzerfüllt vornüber und hält in ihrer Rechten ein aufgeschlagenes Buch. Diese Frau dürfte symbolisch Clara Friedel darstellen, die hier über den Gräbern ihres früh verstorbenen Gatten Walter Friedel und ihres einziges Kindes, der Tochter Margarethe, ergreifend trauert.
Fortan widmete sie sich dem Verlag, worauf das Buch in ihrer Hand verweist.

Vorab auszugsweise zitiert aus:
Alfred E. Otto Paul „Die Kunst im Stillen – Kunstschätze auf Leipziger Friedhöfen“
Band No.07 (Text urheberrechtlich geschützt)