Kunstwerke des Monats 2026
Das Grabmal der Familie Jahn
Wenn man vom Osttor des Südfriedhofes den üppig von über hundertjährigen Rhododendren beschatteten Hauptweg der XVII. Abteilung betritt, dann findet man rechter Hand schon nach wenigen Metern das Grabmal der Familie Jahn - ein in den zwanziger Jahren aus hellem Granit im klassizistischen Stil gefertigtes kleines Denkmal - pilasterähnliche kannelierte Säulen flankieren die mittig zurückgesetzte Fläche und eine Ädikula bildet letztlich eine steinerne Architektur, die an ein kleines Tempelchen oder einen Schrein erinnert.
Im oberen Teil der zurückgesetzten Fläche findet sich ein weißmarmornes Relief, welches einen knienden Engel mit riesigen Flügeln zeigt, der auf einem vor ihm befindlichen Grabhügel liebevoll eine Rose niederlegt.
Darunter lesen wir eingemeißelt in eine Platte aus poliertem bayrischem Granit folgende Zeilen des Dichters Hermann Hesse
FREMDLING, DER ICH OHNE PFAD
SUCHEND PILGERE AUF ERDEN.
WERD ICH REIF BEFUNDEN WERDEN,
WENN AUCH MIR DER SCHNITTER NAHT ?
Das Grabmal behütet - auch wenn wir im Giebel den Namen der Familie lesen - dennoch eine diskrete Anonymität, die wohltauend die besondere Aura dieser efeubewachsenen Grabstätte unterstützt. Das Grabmal sendet außerordentlich beeindruckend eine vielschichtige Botschaft emotionaler, intellektueller und sepulkralkultureller Ebene und so wollen wir nicht versäumen, den Inhaber dieser Grabstätte zu loben und zu danken.
Da wir die Provenienz dieses Grabmales nicht ermitteln konnten, schreibt der Autor dieses zeittypische Grabmal dem Leipziger Bildhauer Alfred Fränzel zu. In dessen im Jahre 1888 gegründete Bildhauerwerkstatt wurde von Anbeginn mit zahlreichen Mitarbeitern in allen Gesteinsarten gearbeitet und nach Musterkatalogen oder oftmals auch nach eigenen Entwürfen bedeutende Bildhauerleistungen geliefert.
Das Grabmal der Eheleute Deutrich
Vermutlich erwarb der in der Leipziger Eisenbahnstraße 98 wohnende Kaufmann Otto Deutrich im Oktober des Jahres 1947 die Wahlstelle No.331 in der XX. Abteilung des Leipziger Südfriedhofes*. Wenig später ließ er auf dieser Grabstätte ein etwa zwei Meter hohes Grabmal aus poliertem schwedischem Syenit errichten, über dessen marmornen Mittelteil sich ein kräftiger Rundbogen befindet mit der vertieft eingearbeiteten Inschrift IN MEMORIAM.
Diese Inschrift erinnert an die beiden Söhne, die in den Kämpfen des Zweiten Weltkrieges an den Fronten ihr junges Leben verloren haben.
Der 39-jährige Rechtsanwalt Rudolf Deutrich fiel am 25. Mai 1944 in Cerrano in Italien.
Heinz Deutrich, der 36-jährige Kaufmann, ist in noch vor dem Kriegsende im Mai 1945 irgendwo in Russland-Kurland geblieben – er zählt zu den tausenden deutschen Soldaten, die man nach den großen Kurland-Schlachten für immer vermisste.
Die Inschrift „WEN DIE GÖTTER LIEBEN LASSEN SIE JUNG STERBEN“ verweist schließlich auch auf den Tod des vermissten Heinz Deutrich.
Im Zentrum des Grabmales findet sich in weißem Marmor gearbeitet eine junge barfüßige Frau im faltenreichen Gewand, deren Haupt bedeckt ist mit einem Trauerschleier. Ihre rechte Schulter zeigt sich entblößt und verweist auf die Barbusigkeit der jungen Frau als eine durchaus erotische Erinnerung an die lebzeitigen Freuden der verlorenen Männer.
In der rechten Hand hält sie einen Kranz, gewunden aus Blättern des Lorbeers und blühender Rosen – ein Verweis auf die irdischen Verdienste der Männer und gleichermaßen auf die unvergängliche dankbare Liebe ihrer hinterbliebenen Ehefrauen.
Otto Deutrich und seine Ehefrau Emma, die Eltern dieser dem sinnlosen Kriege geopferten Männer, haben ihre Söhne um viele Jahre überlebt und wurden in den sechziger Jahren hier zur letzten Ruhe gebettet. Die beiden das Marmorrelief flankierenden Stelen tragen neben der Beschriftung unübersehbar das Lateinische Kreuz, auch Passionskreuz genannt – ein klares Bekenntnis zum christlichen Glauben, der ihnen wohl in schweren Stunden immer Tröstung und Zuversicht bedeutete.
Das Grabmal selbst dürfte bereits um das Jahr 1900 entstanden sein, seine Provenienz lässt sich heute nur noch schwerlich einordnen – es dürfte eine Katalogware gewesen sein von der Hand eines erfahrenen Steinmetzmeisters.
Wir sollten es behüten……
* Die Grabstätte befindet sich in unmittelbarer Nähe zu den Ehrenmälern der Infanterieregimenter No. 107, No.245 und No.416, die man zu Ehren der im Ersten Weltkrieg Gefallenen dieser Regimenter errichtet hatte.
Die Grabstätte der Familie des Baumeisters
Max Gotthilf Richter
Die in der XXV. Abteilung des Leipziger Südfriedhofes gelegene Wahlstelle No.375 wurde im Sommer 1940 vom Baumeister Max Gotthilf Richter für die Dauer von hundert Jahren zum Preis von 6.670 Reichsmark erworben. Ein Gesuch des Architekten Dr.-Ing. Walter Born vom 19. Juli 1940 beantragt die Errichtung einer wandartigen Grabmalarchitektur aus Muschelkalkstein, deren Front geziert ist mit dem Relief eines viaduktähnlichen Brückenbauwerkes, als ein Verweis auf die Profession dieser Baumeisterfamilie. Im Zentrum des familiären Grabbezirkes wurde eine Urnengruft errichtet. Ein Verweis in den Bauunterlagen belegt die Beteiligung des Bildhauers Bruno Eyermann, der die typografische Gestaltung sämtlicher Beschriftungen entwarf. Der Name des ausführenden Steinmetzbetriebes blieb unerwähnt.
Nach Fertigstellung aller Bauarbeiten wurde Paul Richter, der Vater von Max Gotthilf Richter, am 21. Oktober 1940 umgebettet aus der Wahlstelle No.361 in der XXIII. Abteilung des Südfriedhofes.
Max Gotthilf Richter erwarb sein fachliches Rüstzeug in der Bauunternehmung des Königlich - Sächsischen Baurates Max Pommer, in der er sich vom technischen Zeichner hochgearbeitet hatte bis zum Prokuristen. In diesen Jahren des beginnenden 20. Jahrhunderts war u. a. Max Pommer einer der deutschen Lizenznehmer des Patentes für Stahlbetonkonstruktionen von Francois Hennebique. Auch Max Gotthilf Richter erkannte die zukunftsweisende Technik für das Bauwesen. Er reiste zu Studienzwecken direkt nach Paris zu Hennebique und erlangte so zunehmend die nötigen Erfahrungen für die praktische Umsetzung der Stahlbetontechnologie. Im Jahre 1911 gründete Max Gotthilf Richter dann in Leipzig seine eigene Bauunternehmung für alle Arbeiten im Hoch- und Tiefbau.
Die Firma Max Gotthilf Richter war nahezu an der Errichtung aller bedeutenden Stahlbetonbauten in den sächsischen Metropolen beteiligt. Man unterhielt Zweigstellen in Dresden, Halle, Gera und Chemnitz.
Der Baumeister Max Gotthilf Richter starb hochbetagt im Jahre 1962 und wurde in dieser Grabstätte beigesetzt.
Sehr zahlreich sind weitere Beisetzungen verstorbener Familienangehöriger in dieser Grabstätte belegt, dessen Nutzungsrecht zumindest bis zum Jahre 2040 bestehen bleibt.
Das Grabmal der Kaufmannsfamilie Schüler
Im Jahre 1862 gründete in Leipzig Friedrich Hermann Schüler ein Weißwäschegeschäft, aus dem sehr bald eines der führenden Modehäuser Leipzigs wurde mit weit überregionaler Bedeutung, dessen Schwerpunkte Damen-Mode und Pelze waren. Um 1900 erweíterte man die Geschäftstätigkeit durch Filialen in Paris, Brüssel und auch in Turin, die allerdings während des Ersten Weltkrieges aber eine vorübergehende geschäftliche Lähmung erfahren musste. In Leipzig aber war man in bester Geschäftslage im berühmten Bismarckhaus direkt am Markt präsent. Schwierige wirtschaftliche Zeiten nach dem Ersten Weltkrieg und am Ende der dreißiger Jahre konnte man einigermaßen solide überstehen, so dass man schließlich im Jahre 1937 stolz gemeinsam mit über hundert Mitarbeitern das 75-jährige Firmenjubiläum feiern konnte.
Im Jahre 1941 erwarb die verwitwete Adelheid Schüler in der XXV. Abteilung des Leipziger Südfriedhofes die Wahlstelle No.381 und zahlte den stattlichen Betrag von 3.600 Reichsmark für das hundertjährige Nutzungsrecht an der familiären Grabstätte und weitere 400 Reichsmarkt für die gewünschten Anpflanzungen und die gärtnerische Gestaltung.
Im gleichen Jahr wurde auf der Grabstätte das recht eindrucksvolle wandartige Grabmal aus Rochlitzer Porphyr errichtet, in dessen Zentrum sich ein Gedicht des damals noch vielgelesenen Dichters Otto Roquette (1824-1896) befindet, der aber heute nahezu vergessen ist. Otto Roquette hatte es zum Professor und auch zum Geheimen Hofrat gebracht und noch heute befindet sich seine letzte Ruhestätte in einem Ehrengrab auf dem Friedhof von Darmstadt. Wir wissen nicht, von wessen Hand der Entwurf zu diesem Grabmal stammt und wir können auch den Steinmetz nicht benennen, der dieses Grabmal einst errichtet hat - nicht ausschließen können wir die Beteiligung des renommierten Bildhauers Bruno Eyermann.
Nachdem Adelheid Schüler im Februar 1947 verstorben war, wurde sie in dieser Grabstätte zur letzten Ruhe gebettet. Im Jahre 1949 wurde ihr bereits im Jahre 1926 vorverstorbener Ehemann Max Schüler, von einem uns nicht bekannten Ort in diese Grabstätte, umgebettet an die Seite seiner Frau.
Der Sohn Werner Schüler hat nach dem Zweiten Weltkrieg eine neue Heimat in Wien gefunden, wo er die geschäftliche Tradition des Modehauses durchaus erfolgreich weiterführte.
Die Grabstätte des Philologen Professor Eugen Mogk (1854 – 1939)
Der im Jahre 1854 in Döbeln geborene Eugen Mogk widmete sein ganzes Leben als Wissenschaftler der altnordischen Mythologie und schuf letztlich das bis heute anerkannte Grundlagenwerk auf diesem hochinteressanten kultur- und geistesgeschichtlichen Feld. Seine in der Sammlung Göschen erschienene „Germanische Mythologie“ oder sein Werk „Die Entdeckung Amerikas durch die Nordgermanen“ hat viele Generationen besonders junger Menschen immer wieder fasziniert.
Nach dem Studium der Philologie und Geschichte in Leipzig wurde der erst 29-jährige Eugen Mogk promoviert, hatte sich bereits im Alter von 35 Jahren habilitiert und wurde bald schon Professor für Nordische Philologie an der Leipziger Universität.
In der glücklichen Ehe mit Margarethe Scheer wurden drei Söhne geboren – der älteste Sohn Walther fiel schon im August 1914 in Frankreich im gerade begonnenen unseligen Ersten Weltkrieg, der Sohn Werner wurde Arzt und der jüngste Sohn Helmut übernahm in den politisch so außerordentlich schwierigen 50iger Jahren das Amt des Direktors der Leipziger Universitätsbibliothek.
Nach dem Tode von Eugen Mogks Ehefrau Marie Margarethe wurden in der II. Abt. des Südfriedhofes die Universitätsrabattengräber No.27 / 28 erworben – am 22. Oktober 1934 wurde Margarethe Mogk hier beerdigt.
Das imposante Grabmal aus feinkörnigem Muschelkalkstein schuf der renommierte Leipziger akademische Bildhauer Max Alf Brumme vermutlich bereits im Winter 1934/35 – ein Dokument deutet auf die Errichtung des gefertigten Grabmales auf dem Tag genau am 12. März 1935 hin. Die über einem vorgelagerten Sockel aufgesetzte Figur eines Jünglings erhebt die Linke und deutet auf den Himmel während das ihn umhüllende Grabtuch von ihm abfällt – der Autor deutet dies ikonografisch als eine Auferstehungsszene und damit als ein klares christliches Bekenntnis zur neutestamentlichen Heilslehre. Der Auftraggeber Eugen Mogk als auch der Bildhauer Max Alf Brumme waren tief verbunden durch den christlichen Glauben, dem letztlich dieses Bildwerk dann entsprungen ist. Es ist ein seltenes Unikat, eine einmalige Darstellung und findet sich nirgends noch einmal.
Die Frontseite des Sockels ist beschriftet mit den Namen und Lebensdaten der Eheleute Mogk * - typografisch hat Brumme hier eine ganz eigene Schrift geschaffen, die wir z. B. auch am Grabmal des Konditors Gnant auf dem Südfriedhof und anderswo finden.
Viereinhalb Jahre nach seiner Frau starb der Universitätsprofessor i.R. Eugen Mogk und wurde am 8. Mai 1939 an der Seite seiner Frau beerdigt.
Später, 1973, wurde auch der jüngste Sohn Dr. phil. Helmut Mogk und 1976 dessen Ehefrau Gertrud hier beerdigt – ebenso wurde deren Tochter Karin geb. Mogk und ihr Ehemann, der verdienstvolle Pastor Walter Johne, hier zur letzten Ruhe gebettet.
Alfred E. Otto Paul
* Name und Lebensdaten des Professors Eugen Mogk wurden erst nach dessen Tod von Brumme in den Sockel eingearbeitet – ebenso die beiden Ringe als Zeichen ehelicher Verbundenheit
Die Grabskulptur des Buchdruckers Otto Göttel (1854 – 1925)
Vermutlich kam Franz Albert Otto Göttel nach solider kaufmännischer Ausbildung von außerhalb nach Leipzig und eröffnete im Jahre 1884 eine Anilin-Farbenhandlung. Allerdings wechselte er dann schon nach einem Jahr seine geschäftliche Unternehmung und beteiligte sich als Inhaber an der Leipziger Buchdruckerei „Joachim & Jüstel“, die aber sehr bald gemeinschaftlich mit dem Buchhändler Franz Jüstel als Firma „Jüstel & Göttel“ agierte und sich als Verlag, Buchdruckerei und Buchhandlung über Jahrzehnte in der Buchstadt Leipzig erfolgreich behauptete. Vielgelesene Zeitschriften erschienen bei „Jüstel & Göttel“ wie beispielsweise die „Kolonialwaren-Zeitung“, die „Europäische Herrenmode“, die „Malerzeitung“, die „Internationale Fleischerzeitung“ oder die Annalen des gesamten Versicherungswesens.
Nachdem am 30. Juni 1914 Auguste Julia Louise Göttel, die Ehefrau des Buchdruckereibesitzers, im Alter von 62 Jahren gestorben war, erwarb er am 3. Juli 1914, dem Tage des Begräbnisses auf dem Südfriedhof für 1.300 Goldmark in der I. Abteilung das hundertjährige Erbbegräbnis No.6. Louise Göttel wurde in einem prächtigen eichenen Sarg in der Mitte der Grabstätte in doppelter Grabestiefe beerdigt.
Knapp zwei Jahre später beantragte der akademische Bildhauer Paul Stuckenbruck die Genehmigung eines Grabmalentwurfs und erklärt gleichzeitig, dass die beigefügten Zeichnungen von eigener Hand seien. Die schöne Entwurfszeichnung der zu schaffenden Skulptur zeigte eine selbstbewusste Frau, die in eigenartiger Pose vor der Grabplatte kniete. Das Bildnis strahlt eine ungemein deutliche Erotik aus und zeigt ein fülliges Weib voller Lebenskraft. Das Haar macht einen zerzausten Eindruck und unterstützt ein emotionales Gefühl schamhafter Begierde. *
Der Bildhauer Paul Stuckenbruck benannte Kircheimer Kalkstein als zu verwendendes Material und gab das Gewicht der zu schaffenden Skulptur mit 20 Zentner an. Wenngleich der Leipziger Stadtbaurat Carl James Bühring schon wenige Tage später den Antrag bedingungslos genehmigte, erfolgte die Ausführung der Skulptur aber in deutlich geänderter Version. In demütiger Trauerpose kniet nun mit gesenktem Haupt betend die weibliche Skulptur, die zweifellos die verstorbene Frau des Buchdruckereibesitzers Otto Göttel darstellen soll und folgt damit wohl einem Sinneswandel des verwitweten Auftraggebers oder naher Verwandter.
Ende September 1923 war das Werk vollendet und bereits vor dem Grabe der Gattin über einem zwei Meter tiefen Ziegelfundament errichtet worden.
Franz Albert Otto Göttel starb am 10. Dezember 1925 im Alter von 71 Jahren – er wurde nicht, wie offensichtlich ursprünglich geplant, im Grabe seiner Frau beerdigt, sondern sein Leichnam wurde fünf Tage nach dem Tode eingeäschert und die Urne mit seiner Asche am 05. Januar 1926 im Grabe der Frau beigesetzt.
Seit Generationen fanden bis heute zahlreiche Verstorbene, die ausnahmslos feuerbestattet wurden, hier ihre letzte Ruhestätte.
* Man kann wohl davon ausgehen, dass der etwas frivole Entwurf dem tatsächlichen Naturell der Ehefrau zu ihren Lebzeiten entsprach.
Kunstwerk Archiv