Kunstwerke des Monats 2026
Das Grabmal der Familie des
Diamantenhändlers Franz Stagl (1870 – 1949)
Über die Herkunft des Franz Stagl können wir kaum etwas berichten und auch über seine Ausbildung fehlen uns leider die notwendigen Informationen. Vermutlich aber hatte er einst das Rüstzeug eines soliden Kaufmanns erworben und schon im Jahre 1900 eröffnete er in der renommierten Leipziger Reichsstraße 6 ein Papier – und Kurzwarengeschäft. Aber bereits ein Jahr später änderte ein sein geschäftliches Profil und firmierte fortan am gleichen Standort mit dem Geschäftsnamen „Zur Brillantenkönigin“ und handelte fortan mit teurem Brillantschmuck. Schon im Jahre 1908 wechselte er von der Reichsstraße in die Grimmaische Straße, in der die Firma dann verblieb, bis inmitten des Zweiten Weltkrieges die Bomben das historische Zentrum der Handelsstadt Leipzig weitgehend zerstörten. Aber etwa dreieinhalb Jahrzehnte konnte Franz Stagl seine Familie mit dem Handel mit Gold – und Silberwaren, Bijouterien und Galanteriewaren gut durch das Leben bringen, etablierte sich privat sehr bald gutbürgerlich in der Ferdinand-Rhode-Straße im mondänen Musikviertel zwischen Reichsgericht und Johannapark.
Um das Jahr 1925 dürfte er in der V. Abteilung des Leipziger Südfriedhofes die aus den beiden Rabattengräbern No.263 + No.264 bestehende Grabstätte erworben haben, welche er nachfolgend durch flächige Zukäufe noch deutlich vergrößerte. In dieser Zeit oder nur wenig später dürfte das wunderschöne Grabmal geschaffen worden sein – eine kräftige kannelierte Säule, die mit der Base aus einem robusten Sockelquader aufsteigt und statt eines Kapitells eine sitzende Engelsputte trägt, die in ihrer Rechten eine abgesenkte Fackel in Händen hält. Ausnahmsweise steht dieser Kinderengel hier für das uralte Thema des Thanatos, des Todesboten, der traditionell mehrheitlich immer durch einen Jüngling dargestellt wird. Die Kannelur der Säule wird frontseitig unterbrochen durch einen pattenartigen Schild mit dem Verweis auf die hier ruhenden verstorbenen Glieder der Familie Franz Stagl. Ein üppiger Rhododendronbewuchs umschließt nicht nur dieses anmutige Grabmal, sondern den ganzen privatimen Grabbezirk und verleiht diesem eine ganz besondere Aura andächtiger Stimmung.
Das mittlerweile schon hundertjährige Grabmal ist aus einem sehr feinkörnigem Muschelkalkstein gearbeitet und in einem außerordentlich guten Zustand, gearbeitet in bester bildhauerischer Qualität – den Schöpfer dieses wirklich bedeutsamen Werkes der Grabmalkunst des Südfriedhofes können wir namentlich zur Zeit und Stunde nicht benennen. Es empfiehlt sich eine gründliche Untersuchung des Werkes, um vielleicht eine Signatur oder eine inschriftliche Autorenschaft zu entdecken. Der Autor ist der Meinung, dass es sich um ein Unikat handelt, ganz einem Kundenwunsch entsprechend – und der Autor wagt mutig eine Zuschreibung und präferiert in diesem Falle am ehesten die Bildhauer Professor Felix Pfeifer oder auch Reinhold Carl als Schöpfer dieses eindrucksvollen Grabmales.
Die Grabstätte des Arztes
Prof. Dr. Wolfgang Rosenthal (1882 – 1971)
Eine Grippeerkrankung beendete am 23. März 1939 das Leben der Sophie Marie Ilse Rosenthal, seit 1914 die Ehefrau von Wolfgang Rosenthal. Sie war eine namhafte Sopranistin und hatte 1917 das Rosenthal-Quartett mitbegründet. Vier Tage nach ihrem frühen Tode wurde sie in einem eichenen Sarg im Rabattengrab No.1233 in doppelter Grabestiefe beerdigt.
Wir wissen nicht zu sagen, inwiefern sich bis 1940 auf der Grabstätte ein Grabmal befand, welches zumindest an die Eltern von Wolfgang Rosenthal erinnerte. Mit einiger Sicherheit aber können wir davon ausgehen, dass der namhafte Leipziger Bildhauer Professor Felix Pfeifer im Jahre 1940 das heute bestehende Grabmal schuf. Ein kräftiger Quader aus gesägtem Löbejüner Porphyr mit gestockt bearbeiteter Rückseite ruht auf zwei Platten aus gleichem Material, unter denen tiefe Punktfundamente bis in eine frostfreie Tiefe des Erdreiches reichen und die wie zwei Brückenpfeiler schließlich den tonnenschweren Porphyrquader tragen.
Die grabesseitige Front des Quaders trägt die vertieft eingemeißelte Inschrift:
KOMM TROST DER NACHT O NACHTIGALL!
LASS DEIN STIMM MIT FREUDENSCHALL
AUFS LIEBLICHSTE ERKLINGEN.
KOMM, KOMM, U. LOB DEN SCHÖPFER DEIN
WEIL ANDRE SÄNGER SCHLAFEN SEIN
UND NICHT MEHR MÖGEN SINGEN.
LASS DEIN STIMMLEIN LAUT ERSCHALLEN.
DANN VOR ALLEM KANNST DU LOBEN
GOTT IM HIMMEL HOCH DORT OBEN.
Rechtsseitig von der Inschrift lesen wir:
ILSE HELLING-
ROSENTHAL
DER SÄNGERIN
15. II. 1886 23. III. 1939
Der Text „Lied des Einsiedels“ stammt vom deutschen Lyriker Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen, wohl aus dem Jahre 1668 – die Choralmelodie findet sich schon 1599 bei Philipp Nicolai „Wie schön leuchtet der Morgenstern“.
Passend dazu findet sich auf dem Quader aus Löbejüner rötlichfarbenem Vulkangestein ein Putto aus einst schneeweißem Laaser Marmor. Die Inschrift an der Plinthe FELIX PFEIFER 1940 verweist auf die Autorenschaft des bedeutenden Leipziger Bildhauers. Ohne jeden Zweifel ist diese kleine Skulptur eigens für das Grab der Sängerin Ilse Helling-Rosenthal erdacht und gearbeitet worden – der sitzende Putto weist mit seiner Rechten auf ein Vögelchen in einer schalenförmigen Tränke, es ist die in der Inschrift auf dem Quader erwähnte Nachtigall.
Auszugsweise zitiert aus:
Alfred E. Otto Paul „Die Kunst im Stillen – Kunstschätze auf Leipziger Friedhöfen“
Band No.08, Leipzig 2026
Das Grabmal des Königlich-Sächsischen Kommerzienrates
Victor Lilienfeld (1845-1911)
Unmittelbar westlich angrenzend an das antike Tempeltor der Grabstätte von Martha von Seebach entstand im Jahre 1912 in der V. Abteilung des Südfriedhofes auf dem Erbbegräbnis No.24 das Grabmal für den Königlich-Sächsischen Kommerzienrat Victor Lilienfeld, Mitinhaber der Mechanischen Weberei im vogtländischen Auerhammer.
Der einer jüdischen Familie entstammende Victor Lilienfeld hatte einst Bertha Nachod geheiratet, die ebenfalls Mitglied einer bedeutenden jüdischen Familie war.
Der Kommerzienrat Victor Lilienfeld starb am 8. Oktober 1911, einem Sonntag, im Alter von 66 Jahren. Wenige Tage später fand am Donnerstag in der Hauptkapelle des Leipziger Südfriedhofes die Trauerfeier statt und unmittelbar danach erfolgte die Feuerbestattung seines Leichnams. Die Urne mit der Asche des Verstorbenen verblieb im Krematorium – erst am 29. Januar 1912 erwarb die verwitwete Kommerzienrätin Bertha Lileinfeld geborene Nachod das Erbbegräbnis No.24 in der V. Abteilung des Südfriedhofes.
Vermutlich initiierte der Sohn Karl Lilienfeld, namhafter Kunsthistoriker und Kunsthändler, die Gestaltung des Grabmales – er orientierte sich offensichtlich am einzigartigen antiken Grabmal des Theron, welches in hellenistischer Zeit im dritten Jahrhundert vor Christus auf Sizilien errichtet worden war.
Die Entwurfszeichnungen für das Grabmal fertigte der Diplom-Ingenieur Waldmar Hiersche (von dem wir leider nichts berichten können), die Ausführung des imposanten tempelartigen Grabmales erfolgte durch die außerordentlich renommierte Leipziger Steinmetz- und Bildhauerwerkstatt Ernst Prößdorf. Nach etwa fünfwöchiger Bauzeit waren im Juni 1912 alle Arbeiten am Grabmal vollendet, so das am 20. Juni 1912 die Urne mit der Asche von Victor Lilienfeld in den einem Sarkophag ähnlichen Behältnis innerhalb des tempelartigen Aufbaues eingestellt werden konnte.
Die Witwe Bertha Lilienfeld war die Tochter des Kaufmanns Moritz Nachod und von Caroline Nachod geb. Friedberg.
Bertha Lilienfeld starb am 27. März 1933 im Alter von 80 Jahren, ihren Leichnam hat man am 31. März eingeäschert und am 1. April 1933 wurde die Urne mit ihrer Asche eingestellt in den Sarkophag neben der Asche ihres Mannes.
Ein Bruder von ihr war übrigens der bedeutende Japanforscher Oskar Nachod, der im gleichen Jahr nur wenige Monate später starb und auf dem Südfriedhof seine Ruhestätte fand.
In den finsteren Jahren des Nationalsozialismus wurde nicht nur ihre Schwester Lina Alexandra Antonie im Jahre 1943 in Theresienstadt Opfer der Judenverfolgung, sondern auch ihre Tochter Elfriede Carola Maurer starb 1942 – in größter Not wählte sie den Freitod.
Das Tempeltor auf der Grabstätte
der Martha von Seebach (1877 – 1904)
In der V. Abteilung des Südfriedhofes findet sich in der nordöstlichen Ecke der dort im Karree angelegten zahlreichen Erbbegräbnisse die entsprechende Grabstätte der Martha von Seebach, Tochter des in Leipzig in der Albertstraße 37 wohnenden Hauptmanns a.D. Leopold Wilhelm Gustav Boehmer und dessen Frau Martha.
Martha Boehmer, geboren am 13. Mai 1877 in Köln am Rhein, hatte am 07. Oktober 1899 in Leipzig den in Detmold stationierten Offizier Hans Ulrich von Seebach geheiratet, der als Königlich-Preußischer Hauptmann im Infanterie-Regiment No.55 in Detmold diente. Der um 13 Jahre ältere Hans Ulrich von Seebach war Spross einer altadligen Familie, deren tausendjährige Wurzeln wohl im thüringischen Dorf Seebach liegen.
Schon ein Jahr nach der Heirat gebar sie im Jahre 1900 ihr erstes Kind, den Sohn Bebo von Seebach – zwei Jahre später folgte der Sohn Hans von Seebach. Im November 1904 brachte sie ihr drittes Kind auf die Welt, die Tochter Martha von Seebach. Aber nur wenige Tage nach der Geburt starb die Mutter Martha von Seebach am frühen Abend des 30. November 1904 in ihrem Hause in Detmold im Alter von erst 27 ½ Jahren.
Das Standesamt Detmold stellte am 01. Dezember 1904 unter lfd. Nummer 287 die entsprechende Sterbeurkunde aus – der Leichnam von Martha von Seebach wurde in einen opulenten Metallsarg eingebettet und mit der Eisenbahn nach Leipzig verbracht.
Der bereits genannte Vater Leopold Wilhelm Gustav Boehmer erwarb am 05. Dezember 1904 für 900 Goldmark in der V. Abteilung des Südfriedhofes das standesgemäße Erbbegräbnis No.25 – und wohl genau an diesem Tage, ein Montag, dürfte Martha von Seebach in dieser Grabstätte beerdigt worden sein.
Mit einiger Sicherheit können wir davon ausgehen, dass schon im Frühjahr 1905 dieses eindrucksvolle klassizistische Tor aus Sandsteinblöcken errichtet wurde – es existieren keinerlei Bauunterlagen hierzu. Aber wohl ganz bewusst hat man an dieser Stelle auf die Errichtung weiterer Baulichkeiten verzichtet, denn allein dieses antike Tor unterstreicht den Geist dieses Ortes und erinnert an ein Tempeltor als Zugang zu einem heiligen Areal, verweist in größter Emotionalität auf den tragischen Tod dieser jungen Ehefrau und dreifachen Mutter.
Auf dem Grabe hat man 1904 einen Baum gepflanzt, der bis heute dort riesenhaft wie ein Wächter das Grab behütet.
Das Grabmal der Familie Jahn
Wenn man vom Osttor des Südfriedhofes den üppig von über hundertjährigen Rhododendren beschatteten Hauptweg der XVII. Abteilung betritt, dann findet man rechter Hand schon nach wenigen Metern das Grabmal der Familie Jahn - ein in den zwanziger Jahren aus hellem Granit im klassizistischen Stil gefertigtes kleines Denkmal - pilasterähnliche kannelierte Säulen flankieren die mittig zurückgesetzte Fläche und eine Ädikula bildet letztlich eine steinerne Architektur, die an ein kleines Tempelchen oder einen Schrein erinnert.
Im oberen Teil der zurückgesetzten Fläche findet sich ein weißmarmornes Relief, welches einen knienden Engel mit riesigen Flügeln zeigt, der auf einem vor ihm befindlichen Grabhügel liebevoll eine Rose niederlegt.
Darunter lesen wir eingemeißelt in eine Platte aus poliertem bayrischem Granit folgende Zeilen des Dichters Hermann Hesse
FREMDLING, DER ICH OHNE PFAD
SUCHEND PILGERE AUF ERDEN.
WERD ICH REIF BEFUNDEN WERDEN,
WENN AUCH MIR DER SCHNITTER NAHT ?
Das Grabmal behütet - auch wenn wir im Giebel den Namen der Familie lesen - dennoch eine diskrete Anonymität, die wohltuend die besondere Aura dieser efeubewachsenen Grabstätte unterstützt. Das Grabmal sendet außerordentlich beeindruckend eine vielschichtige Botschaft emotionaler, intellektueller und sepulkralkultureller Ebene und so wollen wir nicht versäumen, den Inhaber dieser Grabstätte zu loben und zu danken.
Da wir die Provenienz dieses Grabmales nicht ermitteln konnten, schreibt der Autor dieses zeittypische Grabmal dem Leipziger Bildhauer Alfred Fränzel zu. In dessen im Jahre 1888 gegründeter Bildhauerwerkstatt wurde von Anbeginn mit zahlreichen Mitarbeitern in allen Gesteinsarten gearbeitet und nach Musterkatalogen oder oftmals auch nach eigenen Entwürfen bedeutende Bildhauerleistungen geliefert.
Das Grabmal der Eheleute Deutrich
Vermutlich erwarb der in der Leipziger Eisenbahnstraße 98 wohnende Kaufmann Otto Deutrich im Oktober des Jahres 1947 die Wahlstelle No.331 in der XX. Abteilung des Leipziger Südfriedhofes*. Wenig später ließ er auf dieser Grabstätte ein etwa zwei Meter hohes Grabmal aus poliertem schwedischem Syenit errichten, über dessen marmornen Mittelteil sich ein kräftiger Rundbogen befindet mit der vertieft eingearbeiteten Inschrift IN MEMORIAM.
Diese Inschrift erinnert an die beiden Söhne, die in den Kämpfen des Zweiten Weltkrieges an den Fronten ihr junges Leben verloren haben.
Der 39-jährige Rechtsanwalt Rudolf Deutrich fiel am 25. Mai 1944 in Cerrano in Italien.
Heinz Deutrich, der 36-jährige Kaufmann, ist in noch vor dem Kriegsende im Mai 1945 irgendwo in Russland-Kurland geblieben – er zählt zu den tausenden deutschen Soldaten, die man nach den großen Kurland-Schlachten für immer vermisste.
Die Inschrift „WEN DIE GÖTTER LIEBEN LASSEN SIE JUNG STERBEN“ verweist schließlich auch auf den Tod des vermissten Heinz Deutrich.
Im Zentrum des Grabmales findet sich in weißem Marmor gearbeitet eine junge barfüßige Frau im faltenreichen Gewand, deren Haupt bedeckt ist mit einem Trauerschleier. Ihre rechte Schulter zeigt sich entblößt und verweist auf die Barbusigkeit der jungen Frau als eine durchaus erotische Erinnerung an die lebzeitigen Freuden der verlorenen Männer.
In der rechten Hand hält sie einen Kranz, gewunden aus Blättern des Lorbeers und blühender Rosen – ein Verweis auf die irdischen Verdienste der Männer und gleichermaßen auf die unvergängliche dankbare Liebe ihrer hinterbliebenen Ehefrauen.
Otto Deutrich und seine Ehefrau Emma, die Eltern dieser dem sinnlosen Kriege geopferten Männer, haben ihre Söhne um viele Jahre überlebt und wurden in den sechziger Jahren hier zur letzten Ruhe gebettet. Die beiden das Marmorrelief flankierenden Stelen tragen neben der Beschriftung unübersehbar das Lateinische Kreuz, auch Passionskreuz genannt – ein klares Bekenntnis zum christlichen Glauben, der ihnen wohl in schweren Stunden immer Tröstung und Zuversicht bedeutete.
Das Grabmal selbst dürfte bereits um das Jahr 1900 entstanden sein, seine Provenienz lässt sich heute nur noch schwerlich einordnen – es dürfte eine Katalogware gewesen sein von der Hand eines erfahrenen Steinmetzmeisters.
Wir sollten es behüten……
* Die Grabstätte befindet sich in unmittelbarer Nähe zu den Ehrenmälern der Infanterieregimenter No. 107, No.245 und No.416, die man zu Ehren der im Ersten Weltkrieg Gefallenen dieser Regimenter errichtet hatte.
Die Grabstätte der Familie des Baumeisters
Max Gotthilf Richter
Die in der XXV. Abteilung des Leipziger Südfriedhofes gelegene Wahlstelle No.375 wurde im Sommer 1940 vom Baumeister Max Gotthilf Richter für die Dauer von hundert Jahren zum Preis von 6.670 Reichsmark erworben. Ein Gesuch des Architekten Dr.-Ing. Walter Born vom 19. Juli 1940 beantragt die Errichtung einer wandartigen Grabmalarchitektur aus Muschelkalkstein, deren Front geziert ist mit dem Relief eines viaduktähnlichen Brückenbauwerkes, als ein Verweis auf die Profession dieser Baumeisterfamilie. Im Zentrum des familiären Grabbezirkes wurde eine Urnengruft errichtet. Ein Verweis in den Bauunterlagen belegt die Beteiligung des Bildhauers Bruno Eyermann, der die typografische Gestaltung sämtlicher Beschriftungen entwarf. Der Name des ausführenden Steinmetzbetriebes blieb unerwähnt.
Nach Fertigstellung aller Bauarbeiten wurde Paul Richter, der Vater von Max Gotthilf Richter, am 21. Oktober 1940 umgebettet aus der Wahlstelle No.361 in der XXIII. Abteilung des Südfriedhofes.
Max Gotthilf Richter erwarb sein fachliches Rüstzeug in der Bauunternehmung des Königlich - Sächsischen Baurates Max Pommer, in der er sich vom technischen Zeichner hochgearbeitet hatte bis zum Prokuristen. In diesen Jahren des beginnenden 20. Jahrhunderts war u. a. Max Pommer einer der deutschen Lizenznehmer des Patentes für Stahlbetonkonstruktionen von Francois Hennebique. Auch Max Gotthilf Richter erkannte die zukunftsweisende Technik für das Bauwesen. Er reiste zu Studienzwecken direkt nach Paris zu Hennebique und erlangte so zunehmend die nötigen Erfahrungen für die praktische Umsetzung der Stahlbetontechnologie. Im Jahre 1911 gründete Max Gotthilf Richter dann in Leipzig seine eigene Bauunternehmung für alle Arbeiten im Hoch- und Tiefbau.
Die Firma Max Gotthilf Richter war nahezu an der Errichtung aller bedeutenden Stahlbetonbauten in den sächsischen Metropolen beteiligt. Man unterhielt Zweigstellen in Dresden, Halle, Gera und Chemnitz.
Der Baumeister Max Gotthilf Richter starb hochbetagt im Jahre 1962 und wurde in dieser Grabstätte beigesetzt.
Sehr zahlreich sind weitere Beisetzungen verstorbener Familienangehöriger in dieser Grabstätte belegt, dessen Nutzungsrecht zumindest bis zum Jahre 2040 bestehen bleibt.
Das Grabmal der Kaufmannsfamilie Schüler
Im Jahre 1862 gründete in Leipzig Friedrich Hermann Schüler ein Weißwäschegeschäft, aus dem sehr bald eines der führenden Modehäuser Leipzigs wurde mit weit überregionaler Bedeutung, dessen Schwerpunkte Damen-Mode und Pelze waren. Um 1900 erweíterte man die Geschäftstätigkeit durch Filialen in Paris, Brüssel und auch in Turin, die allerdings während des Ersten Weltkrieges aber eine vorübergehende geschäftliche Lähmung erfahren musste. In Leipzig aber war man in bester Geschäftslage im berühmten Bismarckhaus direkt am Markt präsent. Schwierige wirtschaftliche Zeiten nach dem Ersten Weltkrieg und am Ende der dreißiger Jahre konnte man einigermaßen solide überstehen, so dass man schließlich im Jahre 1937 stolz gemeinsam mit über hundert Mitarbeitern das 75-jährige Firmenjubiläum feiern konnte.
Im Jahre 1941 erwarb die verwitwete Adelheid Schüler in der XXV. Abteilung des Leipziger Südfriedhofes die Wahlstelle No.381 und zahlte den stattlichen Betrag von 3.600 Reichsmark für das hundertjährige Nutzungsrecht an der familiären Grabstätte und weitere 400 Reichsmarkt für die gewünschten Anpflanzungen und die gärtnerische Gestaltung.
Im gleichen Jahr wurde auf der Grabstätte das recht eindrucksvolle wandartige Grabmal aus Rochlitzer Porphyr errichtet, in dessen Zentrum sich ein Gedicht des damals noch vielgelesenen Dichters Otto Roquette (1824-1896) befindet, der aber heute nahezu vergessen ist. Otto Roquette hatte es zum Professor und auch zum Geheimen Hofrat gebracht und noch heute befindet sich seine letzte Ruhestätte in einem Ehrengrab auf dem Friedhof von Darmstadt. Wir wissen nicht, von wessen Hand der Entwurf zu diesem Grabmal stammt und wir können auch den Steinmetz nicht benennen, der dieses Grabmal einst errichtet hat - nicht ausschließen können wir die Beteiligung des renommierten Bildhauers Bruno Eyermann.
Nachdem Adelheid Schüler im Februar 1947 verstorben war, wurde sie in dieser Grabstätte zur letzten Ruhe gebettet. Im Jahre 1949 wurde ihr bereits im Jahre 1926 vorverstorbener Ehemann Max Schüler, von einem uns nicht bekannten Ort in diese Grabstätte, umgebettet an die Seite seiner Frau.
Der Sohn Werner Schüler hat nach dem Zweiten Weltkrieg eine neue Heimat in Wien gefunden, wo er die geschäftliche Tradition des Modehauses durchaus erfolgreich weiterführte.
Die Grabstätte des Philologen Professor Eugen Mogk (1854 – 1939)
Der im Jahre 1854 in Döbeln geborene Eugen Mogk widmete sein ganzes Leben als Wissenschaftler der altnordischen Mythologie und schuf letztlich das bis heute anerkannte Grundlagenwerk auf diesem hochinteressanten kultur- und geistesgeschichtlichen Feld. Seine in der Sammlung Göschen erschienene „Germanische Mythologie“ oder sein Werk „Die Entdeckung Amerikas durch die Nordgermanen“ hat viele Generationen besonders junger Menschen immer wieder fasziniert.
Nach dem Studium der Philologie und Geschichte in Leipzig wurde der erst 29-jährige Eugen Mogk promoviert, hatte sich bereits im Alter von 35 Jahren habilitiert und wurde bald schon Professor für Nordische Philologie an der Leipziger Universität.
In der glücklichen Ehe mit Margarethe Scheer wurden drei Söhne geboren – der älteste Sohn Walther fiel schon im August 1914 in Frankreich im gerade begonnenen unseligen Ersten Weltkrieg, der Sohn Werner wurde Arzt und der jüngste Sohn Helmut übernahm in den politisch so außerordentlich schwierigen 50iger Jahren das Amt des Direktors der Leipziger Universitätsbibliothek.
Nach dem Tode von Eugen Mogks Ehefrau Marie Margarethe wurden in der II. Abt. des Südfriedhofes die Universitätsrabattengräber No.27 / 28 erworben – am 22. Oktober 1934 wurde Margarethe Mogk hier beerdigt.
Das imposante Grabmal aus feinkörnigem Muschelkalkstein schuf der renommierte Leipziger akademische Bildhauer Max Alf Brumme vermutlich bereits im Winter 1934/35 – ein Dokument deutet auf die Errichtung des gefertigten Grabmales auf dem Tag genau am 12. März 1935 hin. Die über einem vorgelagerten Sockel aufgesetzte Figur eines Jünglings erhebt die Linke und deutet auf den Himmel während das ihn umhüllende Grabtuch von ihm abfällt – der Autor deutet dies ikonografisch als eine Auferstehungsszene und damit als ein klares christliches Bekenntnis zur neutestamentlichen Heilslehre. Der Auftraggeber Eugen Mogk als auch der Bildhauer Max Alf Brumme waren tief verbunden durch den christlichen Glauben, dem letztlich dieses Bildwerk dann entsprungen ist. Es ist ein seltenes Unikat, eine einmalige Darstellung und findet sich nirgends noch einmal.
Die Frontseite des Sockels ist beschriftet mit den Namen und Lebensdaten der Eheleute Mogk * - typografisch hat Brumme hier eine ganz eigene Schrift geschaffen, die wir z. B. auch am Grabmal des Konditors Gnant auf dem Südfriedhof und anderswo finden.
Viereinhalb Jahre nach seiner Frau starb der Universitätsprofessor i.R. Eugen Mogk und wurde am 8. Mai 1939 an der Seite seiner Frau beerdigt.
Später, 1973, wurde auch der jüngste Sohn Dr. phil. Helmut Mogk und 1976 dessen Ehefrau Gertrud hier beerdigt – ebenso wurde deren Tochter Karin geb. Mogk und ihr Ehemann, der verdienstvolle Pastor Walter Johne, hier zur letzten Ruhe gebettet.
Alfred E. Otto Paul
* Name und Lebensdaten des Professors Eugen Mogk wurden erst nach dessen Tod von Brumme in den Sockel eingearbeitet – ebenso die beiden Ringe als Zeichen ehelicher Verbundenheit
Die Grabskulptur des Buchdruckers Otto Göttel (1854 – 1925)
Vermutlich kam Franz Albert Otto Göttel nach solider kaufmännischer Ausbildung von außerhalb nach Leipzig und eröffnete im Jahre 1884 eine Anilin-Farbenhandlung. Allerdings wechselte er dann schon nach einem Jahr seine geschäftliche Unternehmung und beteiligte sich als Inhaber an der Leipziger Buchdruckerei „Joachim & Jüstel“, die aber sehr bald gemeinschaftlich mit dem Buchhändler Franz Jüstel als Firma „Jüstel & Göttel“ agierte und sich als Verlag, Buchdruckerei und Buchhandlung über Jahrzehnte in der Buchstadt Leipzig erfolgreich behauptete. Vielgelesene Zeitschriften erschienen bei „Jüstel & Göttel“ wie beispielsweise die „Kolonialwaren-Zeitung“, die „Europäische Herrenmode“, die „Malerzeitung“, die „Internationale Fleischerzeitung“ oder die Annalen des gesamten Versicherungswesens.
Nachdem am 30. Juni 1914 Auguste Julia Louise Göttel, die Ehefrau des Buchdruckereibesitzers, im Alter von 62 Jahren gestorben war, erwarb er am 3. Juli 1914, dem Tage des Begräbnisses auf dem Südfriedhof für 1.300 Goldmark in der I. Abteilung das hundertjährige Erbbegräbnis No.6. Louise Göttel wurde in einem prächtigen eichenen Sarg in der Mitte der Grabstätte in doppelter Grabestiefe beerdigt.
Knapp zwei Jahre später beantragte der akademische Bildhauer Paul Stuckenbruck die Genehmigung eines Grabmalentwurfs und erklärt gleichzeitig, dass die beigefügten Zeichnungen von eigener Hand seien. Die schöne Entwurfszeichnung der zu schaffenden Skulptur zeigte eine selbstbewusste Frau, die in eigenartiger Pose vor der Grabplatte kniete. Das Bildnis strahlt eine ungemein deutliche Erotik aus und zeigt ein fülliges Weib voller Lebenskraft. Das Haar macht einen zerzausten Eindruck und unterstützt ein emotionales Gefühl schamhafter Begierde. *
Der Bildhauer Paul Stuckenbruck benannte Kircheimer Kalkstein als zu verwendendes Material und gab das Gewicht der zu schaffenden Skulptur mit 20 Zentner an. Wenngleich der Leipziger Stadtbaurat Carl James Bühring schon wenige Tage später den Antrag bedingungslos genehmigte, erfolgte die Ausführung der Skulptur aber in deutlich geänderter Version. In demütiger Trauerpose kniet nun mit gesenktem Haupt betend die weibliche Skulptur, die zweifellos die verstorbene Frau des Buchdruckereibesitzers Otto Göttel darstellen soll und folgt damit wohl einem Sinneswandel des verwitweten Auftraggebers oder naher Verwandter.
Ende September 1923 war das Werk vollendet und bereits vor dem Grabe der Gattin über einem zwei Meter tiefen Ziegelfundament errichtet worden.
Franz Albert Otto Göttel starb am 10. Dezember 1925 im Alter von 71 Jahren – er wurde nicht, wie offensichtlich ursprünglich geplant, im Grabe seiner Frau beerdigt, sondern sein Leichnam wurde fünf Tage nach dem Tode eingeäschert und die Urne mit seiner Asche am 05. Januar 1926 im Grabe der Frau beigesetzt.
Seit Generationen fanden bis heute zahlreiche Verstorbene, die ausnahmslos feuerbestattet wurden, hier ihre letzte Ruhestätte.
* Man kann wohl davon ausgehen, dass der etwas frivole Entwurf dem tatsächlichen Naturell der Ehefrau zu ihren Lebzeiten entsprach.
Kunstwerk Archiv